The Ballad of Palestinian Dependency

SONNTAG, 6. APRIL 2025, NEUE NATIONALGALERIE

#Kunst, #Kunstreview, #Nan Goldin

Die curt-Kunstredaktion hat sich Nan Goldins Eröffnungsrede vom 22. November 2024 zu ihrer Ausstellung 
This Will Not End Well in der Neuen Nationalgalerie in Berlin noch einmal angesehen. Eine Stilkritik.

Im letzten Heft haben wir uns mit der Ausstellung selbst beschäftigt, die in unseren Augen unbedingt sehenswert ist (siehe QR-Code unten rechts). Überschattet wurde sie von einer kontroversen Eröffnungsrede, in der die Künstlerin Position zum Gaza-Konflikt bezog. Während der 14-minütigen Eröffnungsrede mit Skript warf die jüdische New Yorker Künstlerin Deutschland nicht nur blinde Ignoranz gegenüber dem Leid der palästinensischen und libanesischen Bevölkerung, sondern auch die rigorose Unterdrückung propalästinensischer Stimmen und Proteste vor. Gerade im Kunst- und Kulturbetrieb sei es seit dem 7. Oktober 2023 hundertfach zu Cancelungen gekommen. Das Vorgehen Israels, so Goldin, erinnere sie an die Progrome, die ihre Großeltern im Rahmen des Holocaust erleben mussten. Goldin betonte in der Rede, ihre Kunst ließe sich nicht getrennt von ihrer politischen Haltung betrachten.

Die Aussage, dass hunderte Kulturschaffende wegen ihrer politischen Haltung gecancelt wurden, ist komplizierter, als in der Rede impliziert: In der Tat gibt es Fälle, in denen Akteur:innen wegen mal mehr, mal weniger berechtigter Vorwürfe des Antisemitismus von Kulturveranstaltungen ausgeschlossen wurden, wie unter anderem von Meron Mendel in der taz dargelegt wurde. Hierbei handelt es sich jedoch bei Weitem nicht um eine dreistellige Zahl an Betroffenen. Zudem gibt es auch Fälle, in denen sich Ausstellungsorte wieder von ihren Kulturschaffenden lösten, nachdem diese auf einer Unterstützung ihrer politischen Haltung bestanden, und solche, in denen Kunstschaffende selbst absagten, nachdem die Institutionen ihren Forderungen nicht entsprachen.
 
In einem Interview für die Frankfurter Rundschau beschwerte sich Goldin auch selbst, von der Neuen Nationalgalerie zensiert worden zu sein. In der Tat war es allerdings Klaus Biesenbachs Gegenrede, die von lauten Skandierungen der propalästinensischen Goldin-Fans übertönt wurde. Einem durch die Nationalgalerie angesetzten Symposium zu Kunst, Aktivismus und Nahostkonflikt blieb die Künstlerin fern. Der offene Diskursraum, moderiert von Saba-Nur Cheema und Meron Mendel, schien ihr wohl keine adäquate Bühne für ihr Anliegen zu sein. Ihren Boykott der Veranstaltung begründete Goldin auf Instagram mit der Unterstellung, diese diene dem Museum bloß dazu, „zu beweisen, dass sie meine Politik nicht unterstützen.“
 
Zweifellos haben Nan Goldins Arbeiten schon immer eine aktivistische Dimension, seien es die AIDS-Krise und queere Emanzipation der 1980er- und 1990er-Jahre, oder jüngst die Opioidkrise in den USA. Eine dezidierte Position zum Israel-Gaza-Konflikt fand sich in ihrem Werk bisher allerdings nicht, das Thema spielte auch in den zwei vorangegangenen Stationen der Wanderausstellung keine Rolle. Für die Berliner Werkschau plante sie, laut eigener Aussage in der Frankfurter Rundschau, eine schriftliche Solidaritätsbekundung mit den Opfern des Konflikts an die queeraktivistische Diaschau The Ballad Of Sexual Dependency anzuhängen. Die Serie enthält kein einziges Foto im Kontext Nahost. Nutzte die Fotografin die Eröffnung ihrer Berliner Retrospektive, um sich bühnenwirksam als Galionsfigur einer weiteren Gerechtigkeitsbewegung zu inszenieren? Verglichen mit ihrem früheren Engagement wirkt diese Episode unangenehm schal.

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Bis 6. April
NAN GOLDIN – THIS WILL NOT END WELL
NEUE NATIONALGALERIE, Potsdamer Str. 50, Berlin




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